Freitag, 17. Juni 2011

Nationalpark-Diskussion kommt in Gang

Beide Parteien der neuen grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg haben in ihren Wahlprogrammen die Schaffung eines ersten Nationalparks in BW formuliert. Und auch in der Koalitionsvereinbarung ist das Nationalparkthema festgehalten. Noch nicht festgelegt hat sich die Regierung auf den Ort eines zukünftigen Nationalparks, bevorzugt wird jedoch der Nordschwarzwald.

Nach mehr als einem Monat seit der Regierungsaufnahme scheint jetzt die Diskussion über einen Nationalpark Fahrt aufzunehmen. Hierbei ist es weniger die Regierung selbst, die jetzt an die Öffentlichkeit geht. Die neue Landesregierung scheint das Thema gründlich und fundiert angehen zu wollen. Und da wären Äußerungen der Landesregierung zu jetzigen Zeitpunkt verfrüht. Vielmehr sind es Interessengruppen gegen den Nationalpark, die sich jetzt vermehrt zu Wort melden.

Dazu gehört die Holzwirtschaft, die mit dem Allerwelt-Angstargument der Arbeitsplatzverluste kommt. Dazu gehören auch Lokalpolitiker, die ihr Halbwissen über Nationalparks anwenden, um bei der Bevölkerung diffuse Ängste über die Nationalparks zu erzeugen. Und die Naturparks in Baden-Württemberg, die ja auch von Lokalpolitikern gesteuert werden, fürchten möglicherweise die Konkurrenz eines Nationalparks. Auch irgendwelche Experten aus der Forstwirtschaft usw. melden sich zu Wort, die den Welt- bzw. Walduntergang als Folge eines Nationalparks voraussagen.

Wir werden hier in diesem Blog über den Schwarzwald die Entwicklung in Sachen Nationalpark weiterverfolgen.

Wir haben hier in diesem Blog jedoch auch eine Meinung. Und diese Meinung lautet klar: für einen Nationalpark im Nordschwarzwald.

Die Gründe, die für einen Nationalpark im Nordschwarzwald sprechen, sind überwältigend. 

1. Nur mit der Ausweisung eines oder mehrerer Nationalparks kann Baden-Württemberg das Ziel der Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung erfüllen, wonach bis zum Jahr 2020 mindestens zwei Prozent der Fläche Deutschlands Wildnis sein sollen.

2. Das europäische Parlament hat im Jahr 2009 mit überwältigender Mehrheit für die Schaffung von Wildnisgebieten im gesamten Gebiet der EU gestimmt. Wildnisgebiete sollen in allen Regionen der EU eingerichtet werden. Im Jahr 2011 soll ein offizielles Wildnisregister für das EU-Gebiet geschaffen werden.

3. Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind die einzigen Flächenländer in Deutschland, die noch nicht über einen Nationalpark verfügen. In Rheinland-Pfalz sind die Planungen für die Einrichtung eines ersten Nationalparks bereits im Gange. Baden-Württemberg darf nicht das einzige Flächenland in Deutschland bleiben, das keinen Nationalpark hat.

4. Alle Staaten der EU und fast alle Regionen im Europa der Regionen verfügen bereits über einen oder mehrere Nationalparks. Baden-Württemberg darf innerhalb der EU kein Außenseiter in Sachen Flächennaturschutz bleiben.

5. Waldwildnis kann eine wesentlich größere Menge an CO² speichern als Wirtschaftswälder. (Dies wird von der Forstindustrie immer wieder bestritten).

6. Tausende Tier- und Pflanzenarten sind auf die Wildnis (zum Beispiel auf Totholz) angewiesen. Ein bisschen Totholz (zum Beispiel das Stehenlassen einzelner Baumstümpfe) ist für die Mehrzahl der Tier- und Pflanzenarten keine Überlebensgarantie. Ohne Wildnis und ohne Nationalpark würde die Artenvielfalt und damit das gesamte Ökosystem in Baden-Württemberg auf Dauer ernsthaft gefährdet.

7. Wildnis hat auch eine ethische Dimension. Es stellt sich die Frage, ob der Mensch das Recht hat, 100 Prozent der Erdoberfläche in seinem Sinne zu ändern, also zum Beispiel Forstwirtschaft und Ackerbau zu betreiben, Siedlungen, Straßen und sonstige Infrastruktur anzulegen oder die Erde wegen Bodenschätzen umzupflügen. Oder gibt es nicht eine Verpflichtung, wenigstens einen kleinen Teil der Erdoberfläche (zum Beispiel zwei Prozent) der Natur zu überlassen, die dort machen darf, was sie will, ohne Einwirkung des Menschen?

Und was bedeuten denn zum Beispiel zwei Prozent Wildnis im Umkehrschluss? Sie bedeuten, dass der Mensch immer noch 98 Prozent der Erdoberfläche in seinem Sinne verändern darf. Sind 98 Prozent nicht genug? Muss wirklich jeder Quadratmeter umgeformt werden?

Ein Nationalpark hat gemäß den Vorgaben der IUCN (internationale Umweltschutzorganisation unter dem Dach der UNESCO) eine Mindestgröße von 10.000 Hektar. Mindestens 75 Prozent davon müssen der natürlichen Entwicklung überlassen werden. 10.000 Hektar sind jedoch bei einer Flächengröße Baden-Württembergs von 35.751 km² = 3.575.100 Hektar gerade mal drei Promille (0,3 Prozent) der Fläche des Landes. Und diesen Anteil Wildnis will sich das Land BW nicht leisten können? 

Also: wünschen wir der neuen Landesregierung viel Erfolg, Kraft, Mut und Ausdauer bei der Schaffung eines ersten Nationalparks in Baden-Württemberg!                

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